Unser 9. Monat beginnt und bringt ganz besondere Energien. Es ist nicht umsonst der Monat der Ernte, aber auch die Zeit des Mutes und der Milde.

Der 9. Monat
Der September ist der neunte Monat. Und vielleicht passt gerade diese Zahl erstaunlich gut zu ihm: Neun ist die Zahl der Vollendung, bevor etwas Neues beginnt. Auch eine Schwangerschaft dauert ungefähr neun Monate – und tatsächlich liegt im September etwas von diesem Übergang zwischen Reife und Neubeginn.
Die Natur hat nun ihren großen Sommerauftritt hinter sich. Doch sie ist noch längst nicht müde. Im Gegenteil: Überall hängen Früchte, Beeren und Samen. Äpfel und Birnen werden reif, Pflaumen und Zwetschgen sind schwer von Süße, Hagebutten färben sich rot, Eicheln und Bucheckern fallen zu Boden. In den Wäldern erscheinen die ersten Pilze, während an den Waldrändern die Heide blüht und Astern, Herbstanemonen und Goldruten Farbe in die Landschaft bringen.

Zeit des Loslassens
Und dann beginnt das große Fallen.
Die ersten Blätter lösen sich von den Bäumen. Früchte fallen ins Gras. Samen werden vom Wind davongetragen. Vögel machen sich auf den Weg in den Süden. Andere Tiere beginnen, sich auf die kommende kalte Jahreszeit vorzubereiten.
Die Natur hält nichts davon fest.
Sie weiß offenbar etwas, das wir Menschen oft erst mühsam lernen müssen:
Was reif ist, darf gehen.
Waren Frühling und Sommer die Zeit des Säens, Wachsens und Gestaltens, beginnt im September die Zeit der Ernte. Wir können jetzt sehen, was aus unseren Ideen und Vorhaben geworden ist.
Manches ist wunderbar aufgegangen.
Manches ist kleiner geblieben als gedacht.
Manches hat überhaupt keine Früchte getragen.
Und vielleicht ist auch etwas entstanden, mit dem wir niemals gerechnet hätten.
Der September verlangt nicht mehr unbedingt nach Gestaltung. Er fragt vielmehr:
Was ist jetzt reif?
Und:
Kannst du es loslassen?
Ein Apfelbaum hält seine Äpfel nicht fest, weil er Angst hat, im kommenden Jahr keine mehr zu bekommen. Er lässt die reifen Früchte fallen. In ihnen stecken bereits die Samen für etwas Neues. Was aus ihnen wird, liegt nicht mehr in seiner Hand.
Das ist eine erstaunlich radikale Form des Vertrauens.
Wir Menschen dagegen versuchen häufig, auch den nächsten Schritt noch zu kontrollieren. Wir wollen wissen, was aus einer Entscheidung wird, wohin eine Beziehung führt, ob ein Projekt Erfolg haben wird, ob unsere Kinder ihren Weg finden, ob eine Veränderung tatsächlich die richtige war.
Der September sagt:
Du darfst nicht alles wissen.
Manchmal ist eine Entwicklung genau dann möglich, wenn wir aufhören, ständig an ihr herumzuschrauben.Wer in dieser Phase weiterhin gestalten will, wo eigentlich Reife und Loslassen gefragt sind, gerät leicht in einen inneren Konflikt. Wir versuchen dann, dem Leben ein festes Gitter überzustülpen, weil wir Angst vor dem haben, was geschieht, wenn wir die Kontrolle abgeben.
Doch Loslassen bedeutet nicht Aufgeben.
Es bedeutet, anzuerkennen, dass etwas seinen eigenen Weg gefunden hat.

Milde walten lassen
Wer im September draußen unterwegs ist, spürt, dass sich das Licht verändert hat. Die Sonne steht tiefer, die Schatten werden länger und das grelle, manchmal fast aggressive Licht des Hochsommers wird weicher.
Ich liebe dieses Licht.
Es hat Kraft, aber es brennt nicht mehr. Es wärmt, ohne zu überwältigen. Es liegt milde auf Wiesen und Feldern, lässt Spinnennetze glitzern und färbt die frühen Morgenstunden golden.
Milde ist für mich deshalb eine der großen Qualitäten des Septembers.
Auch wir können milder werden.
Mit anderen.
Mit unserem Leben.
Und vor allem mit uns selbst.
Nicht jeder Fehler muss uns für immer vorgeworfen werden. Nicht jede falsche Entscheidung war eine Katastrophe. Nicht jeder Mensch, der uns verletzt hat, muss für immer unser Feind bleiben.
Milde bedeutet nicht, alles gutzuheißen.
Sie bedeutet, etwas ansehen zu können, ohne sofort darüber zu urteilen.
Vielleicht ist das sogar eine Form von Reife: nicht mehr jedem Impuls folgen zu müssen. Nicht jede Wut auszuleben. Nicht jede Verletzung zurückzugeben. Nicht jeden Konflikt gewinnen zu wollen.
Manchmal ist es stärker, einen Schritt zurückzutreten und mit etwas kühlerem Kopf zu betrachten, was wirklich geschehen ist.
Dazu gehört Verzeihen.
Aber auch Annahme.
Und manchmal bedeutet Verzeihen nicht, einen anderen Menschen wieder in das eigene Leben zu lassen. Manchmal bedeutet es einfach, die Vergangenheit nicht länger über die Gegenwart bestimmen zu lassen.

Erntedank – die Kunst der Dankbarkeit
Im Jahreskreis ist der September eng mit Erntedank verbunden. Und eigentlich ist das ein wunderbar passendes Fest für diesen Monat.
Denn Dankbarkeit entsteht dort, wo wir aufhören, nur auf das zu schauen, was uns fehlt.
Schau dich einmal um.
Was ist in diesem Jahr gewachsen?
Welche Menschen sind geblieben?
Welche Türen haben sich geöffnet?
Was hast du gelernt?
Was hast du überstanden?
Was kannst du heute, was du vor einem Jahr noch nicht konntest?
Dankbarkeit muss dabei nichts Großes sein. Sie kann ganz still daherkommen: ein warmer Tee, ein Hund, der sich an dich kuschelt, ein Mensch, der anruft, ein Apfel aus dem eigenen Garten, ein Sonnenstrahl auf dem Gesicht.
Vielleicht ist der September deshalb ein guter Monat für ein Dankbarkeitstagebuch.
Nicht, um sich einzureden, dass alles wunderbar ist. Sondern um den Blick zu weiten.
Denn neben allem, was schwierig ist, existiert immer auch das, was trägt.
Und zum Dank gehört für mich noch etwas anderes: die Fürbitte.
Wenn wir erkennen, wie viel wir haben, können wir auch an diejenigen denken, denen gerade etwas fehlt. Wir können gute Wünsche in die Welt schicken, helfen, teilen, zuhören.
Und wir dürfen dabei auch für uns selbst bitten. Um Kraft.
Um Klarheit.
Um Vergebung.
Um einen Weg, wenn wir unseren eigenen gerade nicht erkennen.
Mut und Drachenkämpfe
Am 29. September wird Michaeli, das Fest des Erzengels Michael, gefeiert. In der christlichen Tradition steht Michael für den Kampf gegen das Böse; besonders bekannt ist das Bild des Erzengels, der den Drachen besiegt.
Aber vielleicht müssen wir diese Geschichte gar nicht ausschließlich als Kampf gegen ein äußeres Böse lesen.
Vielleicht ist der Drache auch in uns.
Nicht als dämonisches Wesen, sondern als Bild für all das, was wir lieber nicht sehen möchten: unsere Angst, unseren Neid, unsere Wut, unsere Kontrollsucht, unsere Verletzlichkeit. Auch unsere Schatten gehören zu uns.
Der Drache muss deshalb vielleicht nicht getötet werden.
Vielleicht müssen wir lernen, ihm ins Gesicht zu sehen.
Das braucht Mut.
Denn Selbstkenntnis bedeutet nicht nur, die eigenen schönen Seiten zu entdecken. Sie bedeutet auch, anzuerkennen, dass wir manchmal ungerecht sind, dass wir aus Angst handeln, dass wir andere verletzen können und dass wir nicht immer die Guten in unserer eigenen Geschichte sind.
Der September ist dafür ein guter Monat.
Das Licht wird milder, die Natur zieht sich langsam zurück – und wir können beginnen, nach innen zu schauen.
Vielleicht besteht der eigentliche Drachenkampf darin, nicht länger vor uns selbst davonzulaufen.

Tag- und Nachtgleiche
Tag und Nacht im Gleichgewicht
Und dann kommt die Tagundnachtgleiche.
2026 fällt die astronomische Herbst-Tagundnachtgleiche auf den 23. September. Zu diesem Zeitpunkt überquert die Sonne den Himmelsäquator in Richtung Süden und auf der Nordhalbkugel beginnt astronomisch der Herbst.
Tag und Nacht scheinen sich die Waage zu halten.
Licht und Dunkelheit.
Außen und Innen.
Tun und Sein.
Festhalten und Loslassen.
Ganz exakt sind Tag und Nacht am Äquinoktium allerdings nicht jeweils zwölf Stunden lang – unter anderem wegen der atmosphärischen Refraktion und weil Sonnenaufgang und -untergang nach dem Erscheinen bzw. Verschwinden der Sonnenscheibe definiert werden. Für das Symbol ist das aber fast nebensächlich.
Denn als Schwelle ist die Tagundnachtgleiche wunderschön.
Wir verlassen endgültig die helle Jahreshälfte.
Die Reise nach innen beginnt.
Septemberkräfte nutzen und feiern
Der September muss nicht laut sein. Seine Kraft liegt gerade darin, dass er uns langsamer werden lässt.
Dankbarkeit:
Beginne ein Dankbarkeitstagebuch. Schreibe jeden Abend drei Dinge auf, für die du dankbar bist – auch wenn der Tag schwierig war.
Milde:
Frage dich: Wo könnte ich weniger streng mit mir oder einem anderen Menschen sein?
Reife:
Schau zurück auf das Jahr. Was hast du erschaffen, gelernt oder verändert? Was davon darf jetzt einfach einmal bestehen, ohne dass du es weiter optimieren musst?
Loslassen:
Gibt es etwas, das du festhältst, obwohl es längst reif ist? Eine Beziehung, eine Erwartung, eine alte Vorstellung von dir selbst, einen Streit, eine Schuld?
Segen:
Und wenn du etwas loslässt, musst du es nicht mit Bitterkeit tun. Du kannst ihm einen eigenen Segen mitgeben: Es war ein Teil meines Lebens. Es hat mich etwas gelehrt. Nun darf es weiterziehen.
Denn genau das macht uns der September vor.
Der Baum lässt seinen Apfel fallen.
Nicht, weil er ihn nicht mehr liebt.
Sondern weil seine Zeit gekommen ist.
Und vielleicht ist das eine der schönsten Lektionen des Herbstes:
Nicht alles, was wir loslassen, verlieren wir. Manches geben wir einfach frei.
Feste & Monde im September 2026
- 4. September: Letztes Viertel
- 11. September: Neumond
- 23. September: Herbst-Tagundnachtgleiche und astronomischer Herbstbeginn
- 26. September: Vollmond
- 29. September: Michaeli, Fest des Erzengels Michael




