Spiritualität und ihre Stolperfallen

Viele Fallen lauern auf dem Weg der spirituellen Entwicklung. Wer sich darüber bewusst ist, kann sie möglicherweise schneller entlarven.

Spirituelle StolperfallenIndischer Ashram, mongolische Jurte oder peruanischer Regenwald – es gibt viele Plätze, an denen Spiritualität gefeiert und gelebt wird. Sie scheinen eine magische Anziehungskraft zu haben, vor allem auf die Menschen unserer Zeit. Menschen, die raus wollen aus diesem Rad der Leistungsgesellschaft. Zu viel arbeiten für andere, zu wenig selbstbestimmt, zu viel Stress und Druck. Kurse in Lichtheilung, schamanischem Trommeln oder Yogatechniken, Hellsichtigkeit, Aurasehen – es gibt viele Möglichkeiten, einen Einstieg in die Spiritualität zu bekommen. Die Angebote werden mehr und mehr. Das ist gut, denn es ist ein Anfang, sich wieder mehr auf die Dinge im Inneren zu besinnen. Geschwindigkeit aus dem Leben zu nehmen und inne zu halten. Stille zu erfahren und mehr ins Fühlen zu kommen. Aber es liegen gleichzeitig viele Stolpersteine auf dem Weg. Wie etwa der der Überheblichkeit.

1. Die Falle spiritueller Überheblichkeit

Überheblichkeit lauert gerne dort, wo wir sie am wenigsten erwarten. Sie ist immer ein Ausdruck des Egos, das nicht zurückstecken möchte. Was nicht aus diesem Wettbewerb des Messens und sich Vergleichens aussteigen möchte. Sobald wir mehr ins Fühlen kommen und möglicherweise auch Dinge vorhersehen können, klappt diese Falle gerne zu: Dann fühlen wir uns plötzlich „besser“, „höher“ oder weiter entwickelt als andere Menschen, weil wir mehr wahrnehmen. Wir nehmen plötzlich wahr, dass Menschen dort noch nicht sind, wo wir sind. Genau das ist die erste Falle: Wir nehmen Trennung wahr „die Anderen“ und wir. Es gibt keine Anderen ebensowenig wie Trennung. Niemand ist besser als der andere, niemand weiter. Alle sind genau so perfekt und richtig, wie sie sind. Im Umkehrschluss heißt das: Es gibt nichts zu missionieren bei den anderen. Wenn sie an andere Religionen und Konzepte glauben, dann ist es eben so. Wir dürfen den anderen keine Lasten und Krankheiten abnehmen, nicht ohne Erlaubnis und nicht ohne sie gefragt zu haben. Das ist übergriffig und überheblich, weil wir meinen, wir sind gesund (also auch „besser“) oder wir die sind, die es besser wissen. Manchmal ist es schwer, zuzuschauen, wenn jemand ins Verderben rennt. Aber es ist unsere Wertung, wir empfinden es als Verderben. Jeder hat das Recht, den Weg zu gehen, den er möchte, auch wenn uns falsch scheint.

2. Die Falle spiritueller Härte

Manche Menschen scheinen trotz der Spiritualität ihr Herz eingemauert zu haben. Wie sonst kommen sie dazu, anderen in großen Lebenskrisen zu sagen: „Da wirst du verstehen, wenn du soweit bist. Nimm dich selbst nicht so wichtig.“ Oder: „Du bist gefangen in der Illusion. Befreie dich, nehme wahr, dass es im absoluten Bewusstsein keinen Tod und keine Krankheit gibt“. Aber hier, in diesem Leben gibt es sie, die Situationen, die uns an den Rande dessen bringen, was wir ertragen können. Und da hilft es nicht, mit spiritueller Härte (und Überlegenheit) zu reagieren und den Menschen zu sagen, sie sollen raus aus ihren Denkmustern kommen. Wie wäre es stattdessen mit Dasein, Hand halten, Tee kochen und zuhören? Einfach Herz zeigen? Das ist viel wichtiger und angemessener als Welterklärmodus. Und dazu muss man nicht sonderlich spirituell sein, um das zu verstehen.

3. Die Falle spirituellen Konsums

Wenn wir bewusst aus der Berufswelt, dem höher-schneller-weiter aussteigen, heißt das noch lange nicht, dass wir etwas begriffen haben. Denn nun geht es für viele erst los. Es ist wie eine zweite Ausbildung, eine Parallelwelt zu der Welt, aus der man gerade ausgestiegen ist. Hier ein Reiki-Kurs, da ein Kurs im schamanischen Reisen, dort ein Wochenende zum Erwecken des Inneren Kindes. Alles sicherlich wichtig, richtig und vieles davon auch richtig gut – solange wir die Falle sehen: In der Spiritualität, die eigentlich auf Meditieren, Stille, Verbundenheit, Klarheit und dem Nichts ausgelegt sein sollte, gibt es genau solchen Konsum wie in der anderen Welt auch. Es gibt Buddhabilder, Räucherstäbchen, Talismann-Ketten, Edelsteine, Bücher und viele, viele Seminare. Wirklich brauchen tut das alles nur unser Ego, was sich zu klein fühlt, um die Sicherheit zu haben, Heilende Hände aufzulegen oder Energetische Blockaden zu sehen. Nicht mehr und nicht weniger sind diese Seminare. Sie geben uns Techniken, um gewisse Dinge durchzuführen. Werkzeuge wie an unserem Arbeitsplatz. Wahre Erkenntnis aber kommt damit nicht zustande. Sie liegt immer in uns und kann ebenso durch Begegnungen kommen wie durch Seminare. Durch Waldspaziergänge ebenso wie durch Vorträge. Es gibt sehr viele „Wissende“ unter denen, die noch nie ein spirituelles Seminar besucht haben. Keine Frage, es ist toll, dass es inzwischen eine so große Auswahl an Seminaren und Büchern zum Thema gibt, man sollte nur aufpassen, dass man sich nicht im Konsum verfängt. Und wiedereinmal in den Leistungsdruck – auf spiritueller Ebene.

4. Die Egoismus-Falle

Ich muss erstmal bei mir ankommen – heißt es heute so oft. Oder: Ich muss mich abgrenzen. Ich muss auch mal nein „Das kostet mich zu viel Energie“ sagen. Oder: „Alles ist erlaubt.“ Manchmal glaube ich, dass Spiritualität in großen Egoismus führen kann. Klar leben wir heute in einer freien Welt in der (gottseidank) vieles erlaubt ist, in der es viele Freiheiten gibt. Dennoch gibt es auch hier Grenzen. Es ist eben nicht alles erlaubt. Es gibt immernoch allgemeingültige Regeln der Menschlichkeit, nach denen wir handeln sollten. Wenn mein Tun einen anderen verletzt, ist es eben nicht nur „sein Problem“ weil er damit nicht umgehen kann, sondern höchste Zeit, mein eigenes Tun zu korrigieren und mit meinen eigenen Schatten und Entgleisungen zu arbeiten. Nein, diese Welt ist kein Tauschplanet, in dem ich nur so viel Energie rausgebe, wie ich kann und anschließend damit rumgeize, weil ich glaube, sie ist alle oder wird von anderen aufgebraucht. Wenn aber gerade dann jemand meine Hilfe braucht, sage ich dann ab, weil ich „bei mir bleiben muss“? Hoffentlich nicht! Viele Seminare und Schulungen trainieren unser Ego, auf uns selbst zu achten, das ist auch gut so und längst überfällig. Es darf aber bitte nicht darin ausarten, zuerst immer auf sich selbst zu schauen und anderen Hilfe zu verwehren. Ich finde, es ist höchste Zeit, nicht immer zu schauen, welche Energie man gerade aufgenommen hat, sondern auch wieder: Herz zu zeigen, für den anderen da zu sein, auch wenn es gerade überfordert! Auch das ist Wachstum. Und: Es kommt schließlich auch immer etwas zurück. Es ist Zeit, dass wir uns selbst weniger wichtig nehmen und besser auf den Nächsten achten, der uns zur Seite steht.

5. Die Falle des Missionierens

Darüber muss ich jetzt nicht viel sagen, oder? Diese Falle lauert schon seit Jahrtausenden, ob bei den Moslems, Christen oder Juden. Sie hat zu vielen Kriegen mit vielen Toten geführt. Religion, so scheint es, hat Kampf, Brutalität, Terror und Wettrüsten angeheizt. Es sind alles nur Konzepte, an die wir glauben. Es gibt kein Konzept, was besser oder schlechter ist. Der eine findet Frieden, in dem er auf Christus meditiert, der andere trommelt schamanisch und wieder ein anderer macht Zen-Buddhismus. Das ist alles in Ordnung, weil sich jeder den Weg sucht, der am besten passt. Keiner dieser Wege ist besser als ein anderer. Und keiner dieser Wege ist besser als an nichts zu glauben. Ich habe schon Menschen erlebt, die mit Spiritualität nichts am Hut hatten, aber sehr viel weisere Ratschläge gegeben haben als Menschen, die nach diesen Konzepten handelten. Es sind letztendlich alles nur Konzepte, die dem Kopf helfen sollen, Sachen besser einzuordnen. Das Herz braucht diese Konzepte nicht, es kennt die Wahrheit, die dahinter liegt.

6. Die Guru-Falle

Nein, wir brauchen keine Lehrer, keine Gurus. Unser Lehrer ist in uns verborgen, es ist alles Wissen in uns. Ja, es kann helfen, jemanden zu treffen, der genau diese Seite in uns zum Schwingen bringt. Der uns an Themen bringt, die schmerzen, wo wir blinde Flecken haben. Es muss aber kein „Heiliger“ sein, es kann auch das eigene Kind, die Ehefrau oder die Nachbarin sein, mit der man seit Jahren im Streit liegt. Das sind manchmal bessere Lehrer als die Gurus. Es mag wichtig sein, mit einem Lehrer einen Teil des Weges zu gehen, um sich Werkzeuge und Techniken anzueignen, die in Notsituationen helfen. Auf die man immer wieder zurückgreifen kann. Das ist auch das, was ich an Seminaren sehr schätze, ebenso wie an guten Lehrern. Weise Lehrer aber entlassen die Schüler, anstatt sich lange zu binden. Denn der Schüler ist für den Lehrer Lehrer. Echte Lehrer wissen, wann es Zeit ist zu gehen.

Übrigens: Diese Stolperfallen treten immer wieder auf, hat man gerade eine hinter sich, tappt man in die nächste. Und es gibt sicher noch mehr davon, die ich grad nicht sehe, weil ich in genau der drinhocke.

 

 

 

 

2 Kommentare

  1. Victoria

    Guten Morgen! Gerade habe ich die Stolperfallen gelesen und bin sehr dankbar für diese klugen Zeilen!

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